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Eine weltweit führende Karriere in der Physik – trotz vieler Hindernisse

Es ist ein weiter Weg von einer Kleinstadt in der Mitte Brasiliens bis zur renommierten Universität Utrecht. Cristiane Morais Smith, Mildred Dresselhaus Preisträgerin 2016, hat diesen Weg mithilfe einer klaren Vision, strategischer Planung und eines großen Lerninteresses gemeistert. Heute ist Prof. Morais Smith eine weltweit führende Physikerin für kondensierte Materie mit einem breiten Forschungsspektrum von das topologischer Quantenmaterie über Graphen, Quanten-Hall-Physik, hochtemperatur-Supraleitung, Quantengase bis hin zur Nanophysik.

Prof. Cristiane Morais Smith stammt aus einer Familie starker Frauen. Foto: I. Adler

Cristiane Morais Smith stammt aus einer Familie starker Frauen. Eine ihrer Großmütter hatte sich bewusst dafür entschieden, als Bäckerin in ein anderes Dorf zu ziehen, um ihren Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen; ihre andere Großmutter wurde im Alter von 29 Jahren Witwe und „erbte“ die Arbeit ihres Mannes als Buchhalter im Rathaus. Sie war die erste Frau in dem kleinen Dorf, die als Angestellte im öffentlichen Dienst arbeitete; so konnte sie ihren Kindern das Studium an der Universität ermöglichen – darunter der Mutter von Cristiane Morais Smith. „Meine Mutter ist eine Schlüsselfigur in meiner Karriere“, sagt die Wissenschaftlerin und erinnert sich an zwei wichtige Ereignisse in ihrer frühen Kindheit: Sie und ihre Brüder und Schwestern konnten noch nicht schwimmen, doch ihre Mutter erlaubte ihnen, vom Sprungbrett zu springen – nachdem sie einen jungen Mann gebeten hatte aufzupassen. „Das war eine große Lektion in Sachen Mut“, sagt Cristiane Morais Smith. Das zweite Ereignis war ein landesweiter Malwettbewerb zum Thema Wald. Sie konnte zwar nicht gut zeichnen, doch ihre Mutter fragte sie trotzdem, ob sie gewinnen möchte. Dann riet sie ihr, sich einen Baum auszusuchen, der ihr gefällt, und ihn so lange zu zeichnen, bis er perfekt wäre. Das junge Mädchen wurde „nur“ zweite im Wettbewerb, beschloss aber: „Macht nichts, nächstes Mal werde ich gewinnen.“ In diesem frühen Alter hatte sie eine wichtige Lektion gelernt: finde heraus, was dir gefällt, versuche es, und wenn nötig, versuche es noch einmal.

Fasziniert von den Lehrern und was sie ihr gaben

In der Schule war Cristiane Morais Smith fasziniert von den Lehrern und was sie ihr gaben. Im Alter von 13 Jahren ließ ein Lehrer die Klasse berechnen, wie die Geschwindigkeit eines Körpers im freien Fall von seiner Masse abhängt. Es war das Galileo-Experiment und eigentlich viel zu schwer für die Kinder. Doch Cristiane fand die Lösung. Fasziniert von diesem Experiment fragte sie sich, was für einen Beruf sie ergreifen muss, um derlei „Spiele zu spielen“. Die Antwort lautete: Physikerin. Damit war ihr Beruf entschieden, wenngleich niemand glauben wollte, dass sie tatsächlich Physikerin werden würde – sie spielte Klavier im Konservatorium und trieb viel Sport.

„Geld oder Sicherheit waren mir egal“

Kurz vor Beginn ihres letzten Jahres an der unterprivilegierten öffentlichen Sekundarschule – der einzigen in ihrem Dorf – überredete sie ihre Eltern, sie an eine deutlich bessere Privatschule im Nachbarort gehen zu lassen, damit sie später Zugang zu einer guten Universität bekäme. Ein ganzes Jahr lang lernte sie 16 Stunden am Tag:  „Ich hatte keine Ahnung, was nötig war, um an einer so guten Universität angenommen zu werden, also kannte ich keine Grenzen. Ich konnte keinen Misserfolg riskieren.“ Nachdem sie an der besten Universität des Landes angenommen worden war, sah sie sich schließlich von Leuten umgeben, die wie sie waren – ausgesattet mit derselben Neugierde und der Lust am Lernen. Was sie nicht wusste, war, dass sie in den Aufnahmeprüfungen zu den Besten gehört hatte und strengte sich weiter mehr als nötig an. Zusätzlich arbeitete sie in der Bank von Brasilien und nahm abends Englisch- und Französisch-Unterricht. Der Job bei der Bank war zwar sehr gut bezahlt, trotzdem kündigte sie nach dem Bachelor-Examen. Von nun an konnte sie von einem Fellowship leben und ihren Master in theoretischer Physik machen. Cristiane Morais Smith: „Geld oder Sicherheit waren mir egal.“ Als eine Art Kompensation für ihre fehlende Allgemeinbildung machte sie während des Physik-Masters noch einen Abschluss in französischer Literatur. Für die Zukunft stand aber bereits fest: „Ich würde die Physik nie aufgeben.“

Im Alter von 23 Jahren veröffentlichte Cristiane Morais Smith ihre erste Publikation als „Rapid Communication“ in Physical Review A. Die Arbeit war Teil ihrer Master-Thesis, die von einem jungen Professor betreut wurde, der später einer der wichtigsten Physiker Brasiliens werden sollte. Im Alter von 25 Jahren erhielt sie eine permanente Position als Assistant Professor an der Universität von Sao Paulo und begann, 12 Stunden pro Woche zu unterrichten. Zu diesem Zeitpunkt stockten ihre Forschungsaktivitäten, da sie ihre Energie auf die Studierenden konzentrierte.

„Negative Dinge im Leben können wichtige Impulse geben“

Zwei Jahre später wurde sie zu einer Konferenz am ICTP in Triest eingeladen. Zu ihrer großen Überraschung präsentierte ein deutscher Professor dort die Ergebnisse, die sie während ihrer Master-Arbeit erzielt hatte. „Da habe ich realisiert, dass ich etwas Wichtiges geschaffen hatte. Und ich konnte noch mehr.“  Sie beschloss, einen Doktor im Ausland zu machen, und wurde an der ETH Zürich angenommen. Nach einer C1 Postdoc-Position in Hamburg, erhielt sie ein Professor Boursier Fellowship des Schweizer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung und wurde assoziierte Professorin in Fribourg, Schweiz. Im Jahr 2004 erhielt sie schließlich eine Stelle im Bereich der Theorie der kondensierten Materie und wurde volle Professorin am Institut für theoretische Physik der Universität Utrecht, Niederlande. 2008 erhielt sie ein hochrangiges VICI Fellowship der niederländischen Wissenschaftsorganisation (NWO), das ihre Forschung stark vorantrieb. Sie musste einige Hindernisse überwinden, um ihre heutige Position zu erreichen, aber sie sagt: „Negative Dinge im Leben können wichtige Impulse geben. Man sollte fokussiert bleiben und niemals aufgeben.“

Cristiane Morais Smith hat eine lange bestehende Verbindung zur Hamburger Forschungslandschaft, die Projekte mit Prof. Daniela Pfannkuche, Prof. Alexander Lichtenstein, Prof. Klaus Sengstock und Prof. Andreas Hemmerich (alle Universität Hamburg) umfasst. Während ihrer Mildred Dresselhaus Gastprofessur wäre außerdem eine Zusammenarbeit mit Prof. Andrea Cavalleri (Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie), Prof. Michael Thorwart und Prof. Peter Schmelcher (beide Universität Hamburg) denkbar.

Neben ihrer Muttersprache, Portugiesisch, spricht Cristiane Morais Smith Englisch, Französisch, Italienisch, Deutsch, Spanisch und Niederländisch. Text: Adler